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Wenn Sport und Politik nicht dasselbe sind - HoGeSa in Köln-Deutz

Maximilian Esser war für uns am 25.10.15 auf der Demonstration von „Hooligans gegen Salafisten“. Ein kommentierter Bericht mit anschließender Bewertung.


Sonntag. Regnerisches Wetter. Ich bin auf dem Weg zur Demonstration von „Hooligans gegen Salafisten“ auf dem Barmer Platz, nahe dem Deutzer Messegelände. „Warum gehe ich dorthin?“ frage ich mich zwischenzeitlich. „Schaulust? Die Neugierde auf das Ungewisse?“ Es ist immerhin mein erster Demonstrationsbesuch. Ich erforsche meine Gefühle weiter. Angst. Es ist wohl hauptsächlich Angst. Davor, dass die Demo wie im letzten Jahr eskalieren könnte. Angst vor der Konfrontation mit all den rechts gesinnten Menschen, die sich klar gegen meine Ansichten positionieren. Meine Ansichten? Auf die gehe ich zu Ende des Textes ein. Vorerst laufe ich mit einem mulmigen Gefühl durch den Rheinpark, und nehme schon von weitem den tiefkreisenden Helikopter über dem Platz sowie die unkenntlichen Rufe der Demonstranten wahr. „Was wird mich wohl dort erwarten?“, frage ich mich. Zunächst einmal das verzerrte Bild des Deutzer Bahnhofes. Bellende Hunde. Polizisten laufen gehetzt in Gruppen durch das Gebäude, sichern die Eingänge. Passkontrollen. Kein Durchkommen. Ein Umweg muss her. Auf dem Vorplatz angekommen, wir haben etwa 12:30 Uhr, und die Gegendemonstration „Arsch Huh“ ist bereits in vollem Gange. Künstler und friedliche Demonstranten setzen gemeinsam ein Zeichen gegen rechte Gewalt und Fremdenhass. Der Bahnhofsplatz wird durch die große Bühne vollends eingenommen, das Programm für den heutigen Tag reicht bis in die Abendstunden. Ich blicke zurück – die Polizisten sind zusammen gerückt. Blockade. Da hilft nur die Flucht vorwärts. Dank Presseausweis gelingt sie auch, man lässt mich nun an jeder Absperrung passieren. Allmählich nähere ich mich dem Barmer Platz mit bleiernen Schritten.

Meine Füße führen mich mitten auf den Platz. Der einsame Polizeihelikopter späht das Gelände weiterhin von oben aus. Der Messevorplatz fungiert nun als Risikozentrum für alle Einsatzkräfte. Von oben gesehen gleicht er einem einzigen Gehege, abgesperrt durch Metallbarrikaden und den wachsamen  Blicken der Polizisten. Gerade einmal nach 10 Minuten Anwesenheit, es ist 12:50h, werden von den Teilnehmern der Demo zwei Böller gezündet – die Ordnungshüter versuchen zu deeskalieren. Die Stimmung rund um den Käfig bleibt angespannt. Polizeikolonnen eskortieren die „Besucher“ des Barmer Platzes zu ihrem Veranstaltungsort, sie sollen von den Unterführungen zur anderen Seite ferngehalten werden. Diese sind voll mit linken Gegendemonstranten, unter ihnen ebenfalls gewaltbereite Autonome. Durch die immensen Sicherheitsvorkehrungen ist eine strikte Trennung wie schwarz von weiß entstanden - Links die angemeldete „Kulturveranstaltung“, rechts die Versammlung der „Hooligans gegen Salafisten“.  Im Vorfeld des 25.10. sind trotzdem nicht nur die Meinungen der linken und rechten Demonstranten aufeinander geknallt – bei genauerem Hinsehen erkennt man die frischen, notdürftig geflickten Narben auf den Köpfen der Rechtsextremisten. Halb 3 Mittags. Auf der anderen Gleisseite haben sich mittlerweile vierfach so viele Teilnehmer wie bei HoGeSa zur Gegendemo gesammelt. Erst nach einer halben Stunde ist schließlich auch auf dem Barmer Platz der Aufbau des Rednerpodestes vollendet. „Möglichst nicht alkoholisierte oder vorbestrafte Ordner“, wie sie vom Veranstalter gesucht wurden, sind ebenfalls in letzter Minute gefunden worden. Der rechtliche Rahmen für die Durchführung der Demonstration ist nun endlich erfüllt. Der Spuk beginnt. Was nun folgt, ist eine Achterbahn der Gefühle: Der erste Redner, als „Kalle“ angekündigt, ist ein Vertreter der holländischen rechtspopulistischen Gruppierung NVU und berichtet von der Überrennung Deutschlands durch den Salafismus. Ein Holländer, der von deutschem Nationalismus redet. Lustig. Ein Schelm, wer dabei an die gewaltigen Flüchtlingsströme nach Deutschland denkt. 16 Uhr: Kaum hat „Kalle“ seinen Sprachwulst beendet, tritt die Rechtsrock-Gruppe „Kategorie C“ auf. Nebenbei verkaufen sie Bandshirts auf dem Veranstaltungsplatz, im Übrigen nicht gerade erfolgreich. Hier ein kurzer Textauszug aus einem ihrer gespielten Songs, mit dem Titel „Ha Ho He“: „...Fußball bleibt Fußball und Politik bleibt Politik...“ – Super, dann könnten ja alle Hooligans zurück nach Hause gehen. „Hooligans gegen Salafisten“, das sind hauptsächlich extremistische Sportfanatiker, die sich an diesem zentralen Ort treffen, um gegen „Salafisten“ zu demonstrieren – sie sind und werden in ihrem Inhalt politisch. Die Anwesenden sind offensichtlich nicht gerade gut darin diesen Zusammenhang zu erkennen. Ich distanziere mich vom Musik-Akt, werfe noch einen Blick in die Runde aller Zuhörer. Es sind nicht nur Leute mit Kleidungsaufschriften wie „Unsere Kurve bleibt sauber“, „Welttour 1933-45“ oder „Rechtsrock Mafia Dortmund“ erschienen, durchaus sind auch neutral aussehende „Normalbürger“ anwesend. Personen, die sich nicht durch ihr Äußeres in eine politische Richtung positionieren und recht unbeholfen in der Menge herumstehen. Menschen, die vielleicht nur aus reiner Verunsicherung anwesend sind und mit ihren Ängsten und Befürchtungen die Zuflucht bei „einfachen Lösungen“ suchen. Man kann ihre Ängste verstehen. Wie aus dem nichts kommen auf einmal viele neue Menschen in die Flüchtlingsheime, die schnell in den letzten Monaten hochgezogen wurden. Sie fürchten die Veränderung. Das Unbekannte. Rechte Parteien instrumentalisieren diese Ängste und Emotionen in der Flüchtlingskrise für sich. Sie bündeln diese negativen Gefühle und lassen aus ihnen Intoleranz, Rassismus und nicht zuletzt Antisemitismus sprießen. Sie erfüllen aus dieser Sicht ihre Rolle als „Rattenfänger“, als Instanz, die diese Art von Bürgern aufsammelt, hervorragend. Leider. Dieses Treffen der Hooligans ist voller Widersprüche gegen sich selbst und deren Teilnehmer. Das beste Beispiel liefert ein Transparent der Vereinigung „PesN“ – „Patriotische Europäer sagen nein!“. Angeblich steht ihre Vereinigung für die „Einhaltung der Meinungsfreiheit“ und gegen die „Willkür der Regierung“. Fraglich bleibt dabei inwiefern eine bürgerlich-demokratisch gewählte Regierung, die diversen Kontrollinstanzen ausgesetzt ist, willkürlich handeln kann. Gegen halb 5 nachmittags verabschiede ich mich von der Demo. Es war sehr anstrengend sich diese geistig-verbale Inkontinenz ohne tiefgreifenden Sinn anzuhören.

Zeitsprung. Erneut halb 5, diesmal einen halben Monat später. Die Versammlung liegt weit zurück, dennoch grüble ich vor mich hin. Erst einmal die Gedanken sortieren. Was hat mich rückblickend am meisten an der Versammlung der Rechten genervt? Nicht die Art und Weise, wie dort die Ängste der Menschen angesprochen werden, sondern die sich stetig wiederholende „Wir-sind-bedroht-durch-den-Islam“-Mentalität. Nicht etwa der Salafismus wurde dort breit angesprochen, sondern der Islam im Allgemeinen.  Demnach wird das „Abendland“ von ihm  „überrannt“, wie es schon “Kalle” erwähnte. Ja, die ankommenden Flüchtlinge sind vielleicht Anhänger des Islam. Na und? Diese Menschen flüchteten vor dem Krieg und Verderben in ihren Heimatländern. Wir haben die gesetzliche Pflicht die Flüchtlinge aufzunehmen, egal welcher Religion sie auch angehörig sind. Deutschland könnte nur von feindlichen Streitkräften, jedoch nicht durch Hilfe suchende Menschen überrannt werden. Der Flüchtling wird dort als militarisiertes Feindbild eingeschworen, und mit ihm der Islam. Niemand sollte wegen seiner religiösen Ansichten diskriminiert werden, wie es bei „HoGeSa“ der Fall war. Man hätte sich mit dem Thema  Religions- und Meinungsfreiheit in Deutschland bei „PesN“ auch gründlich auseinander setzen können, es ist schließlich in unserer Verfassung ausführlich festgehalten. Die Veranstaltung habe ich nun genug Revue passieren lassen. Doch eine letzte Frage beschäftigt mich immer noch: Warum ist es manchen Leuten nicht begreiflich, dass radikale Ansichten generell nicht gut sind? Egal ob es Rechts-, Linksextremismus oder gar der Salafismus ist. Gewalt ist nie eine Lösung gewesen - Sie wird es auch in Zukunft nicht sein. Bleibt tolerant und behandelt euer Gegenüber wie ihr selber behandelt werden wollt. Egal welche Hautfarbe, sexuelle Orientierung oder Religionszugehörigkeit es auch besitzt. Lasst euch nicht durch eure Ängste übermannen, es sind schließlich auch nur Menschen wie du und ich. Wenn das jeder verinnerlichen würde, dann gäbe es jedenfalls keine „HoGeSa“-Veranstaltungen mehr. Die Umwelt würde zudem auch dadurch geschont werden. Der Müll, der dort gegröhlt wird, lässt sich nämlich nicht „recyceln“.


Verfasst von Maximilian Esser, Q2


Quellen:

  • www.sueddeutsche.de/politik/debatte-ueber-fluechtlinge-die-maer-vom-grossen-missbrauch-1.2325553
  • www.zeit.de/politik/ausland/2015-05/is-terror-unislamisch/seite-2

Alle Bilder wurden von M. Esser fotografiert.